Ungreifbar, möglich, unmöglich: etwas fällt / etwas steigt auf
Luis Felipe Ortega

 

1. „Pendel“ ist der Titel einer Skulptur von Daniela Libertad. Besser: „Pendel“ ist der Titel einer Fotografie von Daniela Libertad. Das Bild ist auf das Jahr 2010 datiert. Auf einer Grundfläche (vielleicht ein Schreibtisch?), die Gebrauchsspuren aufweist, sind sich zwei Gläser gerade nahe genug, damit ein Pinsel sein Gleichgewicht halten kann, während er zwischen ihnen ruht. Die Gläser sind – wie üblich – leer, sie dienen nur als Stütze. Im Zentrum der Pinsel, und um die Mitte des Pinsels ist ein Faden festgemacht, ein Faden der nach unten fällt und und an seinem unteren Ende einen Kaugummi so hält, dass er ein „Pendel“ erzeugt. Aus irgendeinem Grund erscheint mir die Skulptur (das Bild?) sehr still zu sein, eine Geste die mich an viele Künstler erinnert, die zwischen den 60er und 80er Jahren Arbeiten schufen, deren Natur aus ihrer Unmittelbarkeit bestand (und in der Möglichkeit, den skulpturalen Akt von dort aus zu kommentieren).
Ich denke dabei an Charles Ray, ich denke auch an Michael Craig-Martin und an seine Skulptur An Oak Tree, 1973, ein Schlüsselwerk der zeitgenössischen Kunst, eine rätselhafte Arbeit, ein Werk, dessen symbolisch/ non-symbolische Kraft es erlaubte, den Begriff des Inhalts im Kunstwerk ins Spiel zu bringen: was es ist, was sein könnte, was es fühlt ... vielleicht: die visuelle und plastische Faktizität als einen Akt der Versöhnung mit der Vielzahl von Bedeutungen, die eine Sache zu einem bestimmten Zeitpunkt annehmen kann (obwohl sie in einem anderen Moment wieder zu dem wird, was sie ist).

 

2. Diese skulpturale Bild synthetisiert viele der Bedenken, die in den letzten Jahren ein wichtiger Bestandteil ihrer visuellen, körperlichen und materiellen Prozesse waren. Objekte, die aus irgendeinem Grund in ihrem Atelier zur Hand sind, verwandeln sich in Rohstoffe für eine Aktion, die durch ihre Zeitlichkeit definiert wird, für jene Zeitdauer, in welcher sie sein und dasein können, oder sich in eine Aufgabe einbinden, die ihnen auf leichte und einfache Weise zugewiesen wird: dann wird man genau hinschauen und sich fragen müssen, was passiert ist oder passiert. Von dort aus formt sich die Absicht, lassen sich die Ränder ihres Plateaus beobachten, und die Idee beginnt zu sagen, was es ist, das sie ist. Dieser Ansatz scheint mir grundlegend für Daniela und distanziert sie von jenen Künstlern, welche in dem pseudo-intellektuellen Eifer, das zu glauben was sie wissen, den Objekten – immer – a priori eine Aufgabe zuweisen. Wie eine Art Strafe zwingen sie das Objekt zu „kommentieren“, „etwas zu sagen.“ Ich denke, dass dieser Akt das umkehrt, was wie eine gute Absicht erschien: "Während ich weiß, bin ich in der Lage, zu sprechen.“ Ein Weg, um etwas Macht ausüben: "Während der andere nicht weiß, werde ich es ihm sagen."

In Danielas Arbeitsweise (und ich bestehe darauf: sie grenzt sich von der Art ab, wie die meisten Künstler ihrer Generation vorgehen), kann das, was man weiß, nur in einer langen und angespannten Beziehung geschehen, in den Momenten, in denen man sich dem Objekt, dem Subjekt oder einem spezifischen Ort annähert und beginnt, ihn zu lesen, es durch sehr persönliche Rituale zu verwandeln, die man von seiner Zunft geerbt hat (Weisen des Tuns, Wege des Sagens, des visuellen Verhaltens, des Erzählens, Abstrahierens, des Zeichnens, des Bearbeitens, des Körpereinsatzes, eingeschlossen die Möglichkeit, die Dinge zu benennen). Diese Rituale, die Daniela gelernt hat, verbinden sich und fügen sich mit andern Typen des Rituals zusammen, mit bestimmten kulturellen Traditionen, mit der Art, in der einige Gemeinden und Gruppen die materielle Produktion mit der kulturellen vertäuen, aus dergleichen sich die symbolische Produktion herleitet. Es scheint, dass Daniela sich fragt: Was bedeutet das, was ich mache? Was bedeutet jede Aktion?  Wie schließt sie sich in diesen oder jenen Diskurs ein? Das Kunstwerk als Opfergabe hat eine Zeit, Raum und eine bestimmte Bestimmung, sozusagen eine Identität, welche sich nichtsdestoweniger einem Anderen öffnet, das viele Andere ist; so ist es der Fall mit den Videos A wie Alicia 1, 2012 und O wie Obatala 2, 2012.

 

3. Wenn zeitgenössische Kunst als Ort des Ereignisses verstanden werden muss, als ein Geschehen... dann lohnt es sich zu fragen, wie dieses Ereignis im Fall der Werke verstanden werden soll, die in der Ausstellung un cuerpo de luz, un punto de polvo [Ein Körper aus Licht, ein Punkt aus Staub] vorgestellt werden. Ich denke, diese Frage ist angebracht, weil bereits die Materialien, welche im Titel genannt werden, auf Voraussetzungen verweisen, die nahe ans Ungreifbare kommen: Licht und Staub. Ein Doppelgewicht, welches einen Großteil von Danielas Position in und Ausrichtung zur Kunst kennzeichnet.
Ich möchte die Beziehung dieser Materialien vom Klassischen (Licht) und vom Zeitgenössischen (Staub) her lesen. Auf der einen Seite die Strenge und Präzision der Bildkomposition (das Licht) und der Zeichnung (Graphit, Geometrie, Intensität, Dichte, etc.), auf der anderen Seite der Staub als das, was man kaum steuern kann: Er fällt, er sammelt sich in den Ecken, und wir sehen ihn nur, wenn er durch die Sonnenstrahlen schwebt,  er ist da, aber wir können ihn nicht handhaben (bis es zu einer größeren Anhäufung kommt). Es ist wie durch einen Raum zwischen diesen beiden (ähnlich dem Duchampschen inframince), dass Daniela eintreten und diese Bildfolge konstruieren/ bearbeiten kann, durch eine Handlung hervorgebracht, von welcher wir überhaupt nicht wissen, was passiert... kaum vorgekommen, schon verschwunden...

 

4. In O wie Obatala 2, zum Beispiel, haben wir die Beschreibung eines Rituals, einer Opfergabe für irgendwen, aber nie werden wir wissen, was hier geopfert wird. Während ein paar Hände Reis in Baumwolle einwickeln, hören wir eine Art Gebet oder Mantra. Wir wissen, was passiert, können die Bewegungen beschreiben, aber die Bedeutung wird zusammen mit der Aktion komprimiert. Sobald der Akt beendet ist, wird es schwierig, ihn zu entschlüsseln. Die Opfergabe (das angebotene Objekt) hat einen hohen symbolischen Wert und ist zugleich physisch am wenigsten von Bedeutung; es ist die Aktion, es ist der Körper, es ist der Weg zur Stille, was in diesem Fall zum Schlüssel wird. Jeder Aktion (Ritual) entspricht ein Ort, an welcher sie zu geschehen hat. Im Falle von Danielas Aktionen handelt es sich um einen visuellen Raum (Video), der durch Schnitte, Sequenzen und Blicke artikuliert wird, durch Kameraläufe, um einen Körper zu filmen, eine Bewegung ... ein Licht, das auf ein Objekt fällt. Wenn sie lange ihren Körper als Ort des Rituals verwendete, führt sie ihn nun bis zu diesem Moment, in welchem er sich filmischen Aktion annähert, dieser Zeit des Bildes in Bewegung: und dort ist es, wo das Ritual konstruiert wird und existiert, wo es möglich wird, etwas zu opfern.
 

5. Wie es in der besten kinematografischen Zeiteinteilung geschieht, erfüllt sich die Aussage in der Stille der Darstellung, in der Aktion, die sich hinauszögert bis sie uns (manchmal auf unangenehme Weise) in diese langsame, langsame, langsame Zeit befördert, in welcher wir uns von jener anderen Zeit außerhalb des Bildes trennen. Ich halte inne, um aufs Neue die Sequenz anzuschauen: eine dünne Linie trennt jene Zeiten, ich werde entscheiden müssen, in welchem Moment ich gehe... oder ob ich es vorziehe, hier zu bleiben. Jenseits des Bildes, jenseits des Lichts (dieses Körpers aus Licht), haben wir Zeit, und wenn etwas  der Schlüssel zur Ausübung von Ritualen ist, dann ist es diese Zeit/ dieses Andere, in welchem das Ich/Du/Sie sich bewegen, um diese andere Zeit zu aktivieren ... Stille.

 

6. In Gesprächen mit Daniela fällt öfters das Wort Enigma, Rätsel. Ich bin von diesem Begriff besessen. Es ist schon viel zu lange her, dass wir aufgehört haben, ihn in der zeitgenössischen Kunst zu benützen. Alles ist so klar, alle wissen ganz klar von was die Werke handeln, so dass „Enigma“ ein Wort ist, welches anderen zeitgenössischen Praktiken vorbehalten bleibt. Also sagen wir: Dieser Künstler macht dies, ein anderer macht das, dessen Thema ist jenes... sehr selten sagen wir: "Ich weiß nicht, um was es geht." Immer wenn ich Danielas Arbeiten zum ersten Mal sehe, habe ich dieses Gefühl, nicht zu wissen, um was es geht. Nichtsdestoweniger weiß ich genau, aus was sie gemacht sind. Auch wenn das Material Staub – ungreifbar – ist, aus welchem sie bestehen.

 

7. In dieser Ausstellung gibt es keine Arbeit aus Staub. Der Punkt aus Staub hat mit der Idee des Sammelns / Akkumulieren dieses Material nichts zu tun. In der Tat gibt es nicht einen Punkt, sondern zwei: zwischen diesen beiden Punkten laufen Danielas Werke ab. Zwischen Punkt A und Punkt B können wir ihre Aussagen finden, man muss sie nur auf dem Weg lesen, im Falle ihres Durchlaufs zwischen A und B. Es ist eine Falle. Daniela arbeitet mit Fallen. Einige Künstler wie Peter Fischli & David Weiss arbeiteten (es ist bedauerlich, davon im Präteritum sprechen zu müssen) mit Regeln, die sie mit Präzision gestalteten, um sie brechen zu können, sie zu verletzen, sich über sie lustig zu machen. Dies gestattete ihnen, sehr streng zu sein, ohne ernst bleiben zu müssen. Danielas Arbeit geht vom Fallenstellen aus:  um während des Ablaufs der Arbeiten in sie hineinzufallen. Vielleicht hat sie deshalb entschieden, Aktionen / Filme zu schaffen (es musste irgendwann einmal gesagt werden!), die sie dann versucht, woanders hin zu bringen: sie subtrahiert vom Skript bis dass das Bild allein uns sagt, was es ist, oder was es da macht ... natürlich ist diese Entscheidung zum Scheitern verurteilt, sie soll uns den langen Weg zum Enigma hinführen, welches sich als undechiffrierbar herausstellt: Wir werden niemals genau wissen, was dort geschieht, und auch wenn wir bis ans Ende des Films bleiben, wird uns die Gewissheit einer „Geschichte“ unweigerlich aus den Händen rinnen. Und in diesem Sinne verwandelt sich das Scheitern jenes wahren Wissens in den Erfolg des Werkes: Endlich etwas, was wir nicht wissen, endlich die Möglichkeit, unser Schweigen zum besten Ort zu machen, um zu uns selbst zu kommen (Im Prinzip möchten das viele Rituale erreichen, selbst wenn man das nicht sagt, auch wenn es eine Gottheit als Gesprächspartner gibt).

 

8. Ein grauer Raum, sehr hoch und groß. Darin die Skulptur mit dem Titel O wie Oshun 3, 2013. Zwei Glasgefäße. Die Flaschen sind am Boden perforiert. Eine von ihnen hängt ganz oben an der Decke. Aus ihr wird Honig (ein Honigfaden) in die Flasche am Boden tropfen. Die Flaschen wechseln den Platz, wenn die eine sich geleert und die andere sich gefüllt hat. Die Aktion muss jeden Tag wiederholt werden. Mehrfach jeden Tag. Wie viele Rituale wird es durch seine Wiederholung Ritual. Sonst nicht.
Ich sprach von einem "Honigfaden", einer Zeichnung, die im Raum vor sich geht, und einer räumlichen Spannung, die von den Objekten (eine Flasche an der Decke, eine auf dem Boden) signalisiert wird. Zwei Punkte. Und zwischen diesen beiden Punkten spielt sich alle 24 Stunden ein Rundlauf ab, die Möglichkeit, dass der Honig in die andere Flasche laufen wird, daß nichts den Fall unterbricht. Eine Änderung im Gewicht, im Volumen und in der Masse des Honigs: definitiv verliert sich eine gewisse Menge zwischen dem Beginn und dem Ende der Ausstellung. Darum geht es in der Arbeit, deshalb lohnt es sich, jeden Morgen die gleichen Maßnahmen durchzuführen: ankommen, Leiter aufstellen, Gläserwechsel. Wiederholung als eine der Möglichkeiten, in denen etwas entsteht.

In diesem Fall gilt es nichts zu beweisen, lediglich den Dingen ein wenig Gewicht abzunehmen... die Zeichnung wird weiter bestehen, während der Honig nicht fließt, weil wir sie uns im Geiste vorstellen. So ist das Werk zwar vorübergehend stillgelegt, aber mental läuft es weiter. Vielleicht geschieht das alles nur in unserem Kopf, vielleicht ist es nicht notwendig, diesen Faden zu sehen, um zu wissen, dass der Honig sich bewegt, dass er alle paar Stunden aktiviert wird. Hier gibt es einen Loop, aber wir sehen ihn nicht. Das Gegenteil geschieht in den Videos, je nachdem, wo wir in die Erzählung einsteigen oder uns in die Geschichte eingliedern, werden wir an dem Ritual teilhaben, eine Geschichte zu erzählen, am Ritual des Sehens, ein Standbild nach dem anderen, um sie in eine kontinuierliche Aktion zu versetzen.

 

9. Vor ein paar Tagen las ich, las ich (wie so oft aufs Geratewohl) wieder in einem Notizbuch, welches mir Daniela gelassen hat, damit es diese Zeit des Schreibens begleite. Ich übertrage eine der Seiten und ende hier mit ihren Worten, nehme teil an ihrem Schweigen:

 

"Weil es sonst nichts anderes geben wird, was von einem spreche, während man selbst schweigt, als die Arbeit.
Und seltsamerweise wird jene durch und für sich selbst sprechen. Sie wird unsere Worte verwandeln, sie vergessen und lachen.
Was einzig unser Eigen bleibt, ist unsere Stille."

 

Luis Felipe Ortega, Januar 2013.
Übersetzung: Juan L. Bautista